© Thiago Japyassu / Unsplash
Viele Hundebesitzer erleben es: Der junge Hund – ob Welpe, Junghund oder mitten in der Pubertät – reagiert plötzlich unsicher oder ängstlich auf Dinge, die zuvor kein Problem waren. Menschen, Geräusche oder alltägliche Situationen werden auf einmal kritisch beäugt.
Diese Verhaltensänderungen sind in den meisten Fällen kein Grund zur Sorge, sondern Teil der normalen Entwicklung. Häufig handelt es sich um sogenannte Fremdelphasen, zeitlich begrenzte Reifephasen, die viele Hunde im Laufe ihres Aufwachsens durchlaufen.
Was sind Fremdelphasen?
Fremdelphasen sind zeitlich begrenzte Entwicklungsabschnitte, in denen Hunde sensibler auf ihre Umwelt reagieren. Reize, die zuvor neutral oder sogar positiv waren, können plötzlich Unsicherheit oder Angst auslösen. Das kann sich zeigen durch:
-
Zurückweichen oder Erschrecken
-
Meideverhalten
-
Anspannung an der Leine
-
plötzliches Bellen oder Fixieren
-
ein insgesamt vorsichtigeres Auftreten
Wichtig ist: Diese Reaktionen sind normal und kein Zeichen dafür, dass etwas „schiefgelaufen“ ist.
Aus evolutionsbiologischer Sicht sind Fremdelphasen sinnvoll. In der freien Natur wäre es für einen heranwachsenden Hund überlebenswichtig, Gefahren plötzlich kritischer zu bewerten. Das Gehirn befindet sich in Umbauprozessen, neue neuronale Verknüpfungen entstehen, alte werden neu sortiert. In diesen Phasen lernt der Hund besonders intensiv – leider auch negative Verknüpfungen, wenn er überfordert wird.
Wann treten Fremdelphasen auf?
Die Zeitpunkte können individuell variieren und hängen unter anderem von genetischen Faktoren, Rasse, Entwicklungstempo und Umwelt ab. Dennoch lassen sich typische Altersbereiche beobachten:
Erste Fremdelphase (ca. 8.–12. Lebenswoche)
Diese Phase fällt häufig mit dem Einzug ins neue Zuhause zusammen. Der Welpe beginnt, seine Umwelt bewusster wahrzunehmen. Geräusche, fremde Menschen, Gegenstände oder Bewegungen können ihn plötzlich verunsichern. Erfahrungen aus dieser Zeit können besonders prägend sein, weshalb ein ruhiger, sicherer Rahmen entscheidend ist.
Zweite Fremdelphase (ca. 5.–6. Monat)
Der Hund befindet sich im starken körperlichen Wachstum, die hormonellen Veränderungen kündigen die Pubertät an. Viele Hunde reagieren in dieser Phase sensibler auf ihre Umwelt und zeigen Unsicherheiten, die zuvor nicht vorhanden waren.
Dritte Fremdelphase (ca. 8.–10. Monat)
Diese Phase ist oft deutlich ausgeprägt. Körperliche Reife, hormonelle Umstellungen und zunehmende Selbstständigkeit treffen auf eine hohe emotionale Sensibilität. Manche Hunde wirken plötzlich misstrauisch, schreckhaft oder reagieren intensiver auf Reize.
Vierte Fremdelphase (ca. 12.–18. Monat)
Der Übergang ins Erwachsenenalter ist kein linearer Prozess. Obwohl der Hund äußerlich „fertig“ wirkt, finden innerlich weiterhin Reifungsprozesse statt. Auch hier können noch einmal Unsicherheiten auftreten, insbesondere in neuen oder komplexen Situationen.
Wichtig: Nicht jeder Hund zeigt jede Fremdelphase gleich stark – manche kaum, andere sehr deutlich.
Wie kannst du deinem Hund helfen?
Ruhe bewahren
Dein Hund orientiert sich stark an deinem emotionalen Zustand. Bleib ruhig, souverän und gelassen. Hektik, Ärger oder übertriebene Sorge können Unsicherheit verstärken.
Druck vermeiden
Zwinge deinen Hund nicht in angstauslösende Situationen. Kein Ziehen an der Leine, kein „Da musst du jetzt durch“. Sicherheit entsteht durch Freiwilligkeit und Kontrolle, nicht durch Konfrontation.
Positive Erfahrungen ermöglichen
Belohne ruhiges, mutiges Verhalten – auch kleine Schritte zählen. Ziel ist nicht, dass der Hund „funktioniert“, sondern dass er Vertrauen in sich und seine Umwelt aufbaut.
Reize dosieren
In Fremdelphasen gilt: weniger ist oft mehr. Zu viele neue Eindrücke, Ortswechsel oder soziale Kontakte auf einmal können überfordern. Ein stabiler, vorhersehbarer Alltag gibt Sicherheit.
Selbstwirksamkeit fördern
Spiele, Nasenarbeit, kleine Suchaufgaben oder bekannte Rituale stärken das Selbstvertrauen. Ein Hund, der sich kompetent erlebt, kann Unsicherheiten besser bewältigen.

